Der Wettbewerb 2016

Zum ersten Mal hat der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2016 mit dem Start-up-Wettbewerb „Gipfelstürmer“ die besten Gründer aus Deutschland ausgezeichnet. Der Sieger: Adheysys Medical. Im Finale: sieben weitere tolle Unternehmen. Im Video sehen Sie den Pitch von 2016 als Live-Mitschnitt.
 

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Der Wettbewerb als Video

Das Siegerteam 2016

Adhesys Medical GmbH

Polyurethan ist ein Kunststoff, der im Schaum von Matratzen, in der Isolation von Kühlschränken, in der Beschichtung von Fußböden und Textilien steckt. Das sind recht schlichte Produkte im Vergleich zu dem, was Heike Heckroth, 44, vorhat. Die promovierte Chemikerin ist Mitgründerin von Adhesys Medical. Die Firma entwickelt einen auf Polyurethan basierten Klebstoff, um Wunden auf der Haut und im Körper zu verschließen. Alles begann vor gut zehn Jahren. Da schaute sich Bayer Material Science, die Kunststoff-Sparte des Bayer-Konzerns, nach neuen Geschäftsfeldern um. Heckroth machte sich auf die Suche nach chirurgischen Klebstoffen. Auch Kleber, wie man sie im Baumarkt bekommt, basieren häufig auf Polyurethan. Auf der Packung steht meist, dass die Bruchstelle trocken und fettfrei sein muss. „Wunden sind genau der Gegenteil. Die Entwicklung war also nicht ganz trivial“, sagt Heckroth: „Ich weiß nicht, wie viele Kilo Steak ich ins Labor getragen haben, um den Kleber auszuprobieren.“ Erst hat ein Laborteam daran gearbeitet, am Ende ein halbes Dutzend. 2012 stellt Bayer aus strategischen Gründen die Entwicklung des Klebstoffes ein, die Kunststoffsparte wurde im Herbst 2015 als Covestro AG verselbständigt und an die Börse gebracht. Schon 2013 kauften Heckroth und ihre drei Mitgründer die nötigen Patente und gründete die heutige Adhesys Medical, um den Klebstoff weiter zu entwickeln. Im nächsten Jahr will das Start-up den ersten Klebstoff für die Haut auf den Markt bringen. Das Produkt funktioniert wie eine Zwei-Komponenten-Spritze. Erst kurz vor dem Auftragen verbinden sich die zwei Flüssigkeiten und härten dann auf der Haut schnell aus. Ein Klebstoff für die Anwendung im Körper, der dort auch abgebaut werden kann, soll 2019 folgen. Elisabeth Dostert

Die Finalisten 2016

Africa GreenTec GmbH & Co. KG

Es mangelt an vielem in Mali, an Bildung, Infrastruktur, oft auch an Essen. Vor allem aber mangelt es an Strom. Mehr als zwei Drittel der über 15 Millionen Malier haben keinen regelmäßigen Zugang zu Elektrizität, weltweit sind es nach UN-Schätzungen noch immer 1,2 Milliarden Menschen. Wo ein Stromnetz fehlt, helfen sich die Menschen mit Dieselgeneratoren. Das macht den Strom teuer, und auch Diesel ist oft knapp. Woran es aber so gut wie nie mangelt, ist Sonnenschein. Der hessische Unternehmer Torsten Schreiber hat im vergangenen Jahr seine Firma Africa Green Tec gegründet, um etwas gegen diesen Strommangel zu tun. In 40-Fuß-Standardcontainern verbaut er ausklappbare Solarmodule. Mit den eingebauten Batterien wird der Container zum mobilen Rund-um-die-Uhr-Sonnenkraftwerk. Der erste, kleinere Prototyp steht bereits: in Mourdiah, der Heimatregion des malischen Präsidenten. Bis Ende des Jahres will Schreiber weitere Container nach Mali verschiffen, auch für andere Länder Afrikas gibt es Pläne. Den Strom lässt er sich per Kilowattstunde bezahlen, mit den Preisen unterbietet er die Dieselgeneratoren. Das Interesse an dem Projekt ist groß – die Risiken sind es auch. Jan Willmroth

eightyLEO Holding GmbH

Es wird eng auf der Erde, also raus ins All. Viele haben sich auf den Weg gemacht: Google, Facebook, der britische Unternehmer Richard Branson mit seiner Firma Virgin Galactic, der US-Seriengründer Elon Musk mit SpaceX – und die junge deutsche Firma eightyLeo aus Grünwald bei München. Über ein Kommunikationsnetz von Hunderten Satelliten auf einer erdnahen Umlaufbahn, dem sogenannten Low Earth Orbit, kurz LEO, wollen die Gründer Matthias Spott, 46, und Michael Oxfort, 51, Autos und Industrieanlagen in Echtzeit überwachen und fernsteuern. Sollen sich die Großen um die Internet-Versorgung der Bevölkerung kümmern. eightyLeo will die Unternehmen digital vernetzen, „schließlich sollen in den nächsten Jahren rund 80 Milliarden Geräte internetfähig werden“, sagt Spott. Damit Fabriken rund um die Welt gesteuert werden können, seien schnelle, breitbandige Datenströme nötig. Dafür will eightyLEO sorgen. Ein weiteres Anwendungsfeld könnte die Autoindustrie mit der künftigen Vernetzung der Fahrzeuge oder dem autonomen Fahren sein. „Über Satelliten könnten zum Beispiel Software-Updates in die Fahrzeuge übertragen werden“, sagt Spott. Erste Satelliten wollen die beiden Gründer zu Versuchszwecken 2018 ins All schicken. Elisabeth Dostert

evopark GmbH

Die Idee zur Gründung von Evopark entstand im Urlaub in Südfrankreich. Maximilian Messing, 27, stand mit dem Auto an einer Mautstation. „Das lange Warten und das Kramen nach Kleingeld nervten mich“, erzählt er. Er überlegte, wann es im Alltag in Deutschland zu einer ähnlichen Situation kommt und wurde schnell fündig: im Parkhaus. Mit seinen Studienkollegen Marik Hermann, 26, Sven Lackinger, 26 und Tobias Weiper, 28, alle Absolventen der WHU – Otto Beisheim School of Management, setzte er binnen weniger Wochen die Idee der vernetzten Parkhäuser um. Das Konzept: Der Autofahrer legt sich einen Chip in den Wagen. Dieser öffnet wie von Geisterhand die Parkschranke, registriert, wie lange der Besitzer bleibt und rechnet am Monatsende automatisch ab. Läden in der Nähe können bei Einkauf Rabatt auf die Parkgebühr geben. Zudem sieht der Fahrer, wo noch Parkplätze frei sind. Für das Unternehmen, 2014 gegründet, arbeiten mittlerweile 14 IT-, Medien- und Marketingspezialisten. Der Umsatz beträgt mehr als eine Million Euro im Jahr, der Verlust noch 400.000 Euro. In 20 deutschen Städten ist Evopark bereits aktiv, 40.000 Parkplätze in Innenstädten, an Flughafen, in Krankenhäusern und Shopping-Centern sind angeschlossen. Es dürften schnell mehr werden: Der Markt ist stark fragmentiert, es gibt viele unterschiedliche Betreiber, Evopark kann sie zusammenführen – mit einem einzigen Chip. Harald Freiberger

INVENOX GmbH

Es sind vier Erfinder, die sich am Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik der Technischen Universität München vor fünf Jahren getroffen haben. Es geht um einen Milliardenmarkt, um Batterien für Elektromobilität, aber auch für stationäre Anwendungen. Strom-Autos sind heute das große Thema, besonders seit dem Dieselskandal bei Volkswagen. Entwickelt wurde von den Doktoranden eine neue Technologie für den Aufbau von Li-Ionen-Energiespeichern, die zum Patent angemeldet wurde. Produziert werden damit Batteriemodule mit besonderen Kühlungs- und Sicherheitsmechanismen sowie in jeder Größe, die flexibel kombiniert werden können. Im Juni 2014 dann wurde die Firma INVENOX gegründet, mit Sitz in Garching bei München, dort wo auch Teile der TU München sitzen und unter anderem BMW ein großes Forschungszentrum für E-Mobilität unterhält. Zu den Forschern Richard Eckl, 31, Martin Hammer, 31, Moritz Steffan, 29, und Georg Walder, 28, stieß dann der Betriebswirt Mathias Wipfler, 34. Inzwischen hat INVENOX mehrere Labore und einen Produktionsbereich. Beschäftigt werden 24 Mitarbeiter. Zudem gibt es Pilotprojekte mit Industriepartnern in den Bereichen mobiler Arbeitsmaschinen, Schifffahrt sowie stationärer Anwendungen. Geplant sind Serienaufträge für die kommenden Geschäftsjahre, der Umsatz könnte damit deutlich steigen. Caspar Busse

KIWI.KI GmbH

Dieses Unternehmen öffnet Türen, und zwar im wörtlichen Sinn: Kiwi, 2012 in Berlin gegründet, hat eine Technologie entwickelt, mit der sich Türen von Mehrfamilienhäusern ohne Schlüssel öffnen lassen. Der Bewohner trägt nur einen kleinen Transponder mit sich. Nähert er sich der Tür auf drei Meter, aktiviert ein Sensor dahinter den Summer; die Tür muss nur noch aufgedrückt werden. „Jeder, der schon einmal schwer bepackt vor der Haustür stand und gerade keine Hand frei hatte, wird sich über das System freuen“, sagen die Gründer Christian Bogatu, 41, Claudia Nagel, 39, und Peter Dietrich, 39. Die Software lässt sich auf beliebig viele Personen programmieren, auch nur tageweise – zum Beispiel für eine Party. Und sie eignet sich nicht nur für Privatleute: „Abfallentsorger, Post- und Paketdienste oder Reinigungsunternehmen müssen nicht länger riesige Schlüsselbunde mit sich führen“, sagen die Gründer. Die Software wurde unter der Prämisse entwickelt, dass keine Zuordnung möglich ist, wer wann eine Tür geöffnet hat; das soll die Privatsphäre schützen. Eine Reihe großer Wohnungsunternehmen wie die Gewobag haben sich bereits für das System entschieden. Auch die Berliner Feuerwehr nutzt Kiwi: Die Rettungskräfte am Prenzlauer Berg sind mit dem Transponder ausgestattet, die Türen der Einsatzfahrzeuge öffnen sich automatisch. Der Markt ist groß: Es gibt drei Millionen Mehrfamilienhäuser in Deutschland. Harald Freiberger

leaf republic GmbH

Die besten Ideen kommen oft an unerwarteten Orten. Als Pedram Zolgadri in einem kleinen indischen Dorf seine Suppe aus einem Laubblatt schlürfte, hatte er den Geistesblitz. Noch zu gut war ihm der Kindergeburtstag seiner Tochter in Erinnerung, bei der hinterher ein großer Berg Plastikgeschirr übrig blieb. Könnte man nicht auch in Europa Einmalgeschirr aus Laub fertigen? Zuhause in Taufkirchen setzte er sich an seinen Schreibtisch und tüftelte Business Pläne aus. 2013 gründete er mit seiner Geschäftspartnerin Carolin Fiechter das Unternehmen Leaf Republic. Ihr Ziel ist es, Verpackungsmaterialien für Lebensmittel aus nachhaltigen Rohstoffen zu entwickeln. Hauptbestandteil ist die Siali-Pflanze, die in Südamerika und Asien beheimatet ist und drei Mal im Jahr die Blätter abwirft. Deswegen sind die Produkte nicht blütenweiß wie das Plastikgeschirr, sondern dunkelgrün. Dieses Grün ist ihr Sauberkeits-Ausweis, denn das Material ist kompostierbar und frei von Erdöl und Gentechnik. Drei Jahre dauerte die Forschungs- und Entwicklungsphase, derzeit wird in Taufkirchen die Serienproduktion hochgefahren. Während die ersten Kunden das Produkt kaufen, ist Zolgadri schon mit der nächsten Idee beschäftigt. Eine, bei der er ganz groß denkt. „Wir wollen Zellstoff und Papier neu erfinden“, sagt er. Erste Erfolge gibt es bereits: In mehreren Testserien hat er wasserabweisendes Papier aus Laubblättern produziert. Andrea Rexer

Toposens GmbH

Eigentlich wollte Alexander Rudoy, 31, nur einen Roboter-Goldfisch in seinem Aquarium zum Schwimmen bringen - mittels elektromagnetischer Felder. Womit sich junge Menschen, die Mechatronik studieren, eben so beschäftigen. Dazu brauchte er aber Sensoren, die zeigen, wo der Goldfisch gerade schwimmt. Weil es auf dem Markt keine gab, die Objekte unter Wasser dreidimensional tracken konnten, musste Rudoy auch die selbst entwickeln. Seit 2011 beschäftigt er sich damit. Herausgekommen ist dabei kein Goldfisch, sondern eine Fledermaus, denn genau wie ihr Ortungssinn funktioniert Rudoys 3D-Sensor. Ein Teil sendet Ultraschallwellen aus, andere Teile empfangen das Signal wieder. Über eine mathematische Formel, die Rudoy entwickelt hat, lässt sich dann die Position des Objektes dreidimensional genau darstellen. 2015 konnte Rudoy seinen Kommilitonen Rinaldo Persichini und den Kaufmann Tobias Bahnemann überzeugen, mit ihm eine Firma zu gründen; sie heißt Toposens. Den Prototypen des Sensor-Systems gibt es schon. Seit November verkauft Toposens Entwicklungssets an Firmen. Namen darf Rudoy nicht nennen. „Wir konzentrieren uns in unseren aktuellen Pilotprojekten vornehmlich auf die Autoindustrie“, sagt der Gründer. Der Einsatz scheint fast unbegrenzt. Die Sensoren lassen sich im Innenraum einbauen, um Autos über Gesten zu steuern. Oder Einzelhändler können beobachten, welche Wege Kunden im Laden nehmen und wie lange sie vor dem Regal mit den Sonderangeboten stehen bleiben. Fliegen kann der Sensor nicht. Aber man könnte Drohnen damit ausstatten, um sie dann unfallfrei durch einen Wald zu steuern, weil die Sensoren jeden Baum genau erfassen. Wie Fledermäuse eben. Elisabeth Dostert