Gipfelstürmer 2017 – der Gründerpreis des SZ-Wirtschaftsgipfels

 
 
 

Gipfelstürmer-Logo-grün_600x600px

Der Wettbewerb als Video

Das Siegerteam 2017

Cargonexx GmbH

Logistik, neu gedacht Wer ein Taxi braucht, ruft sich eines. Und wer einen Lkw braucht? Nun, ganz so einfach ist die Sache nicht. Noch nicht, wenn es nach Rolf-Dieter Lafrenz geht. Der Gründer des Start-ups Cargonexx möchte genau das erreichen: Eine – natürlich digitale – Plattform zu schaffen, die es erheblich einfacher für Spediteure und ihre Kunden macht, zusammen zu finden. Lafrenz wurde durch eigene Erfahrung auf das Problem aufmerksam. Als er einst in einem Stau auf der Autobahn stand, fiel ihm auf, dass viele Lkws leer fuhren. Mit seiner Firma verkauft er nun Aufträge an Transportunternehmen und Lkw-Fahrer. Cargonexx fungiert dabei als Speditionsunternehmen und haftet gegenüber den Auftraggebern. So können Touren besser geplant werden und – das ist ein wichtiger Nebeneffekt: Es müssen wegen der besseren Auslastung weniger Lkw auf den Straßen fahren. Die Preise kalkuliert das Start-up mithilfe künstlicher Intelligenz. Daten wie Verkehrslage, Wetter und so weiter fließen dabei mit ein, genauso wie die Erfahrungen der vorangegangenen Touren. Auch die Beladung wird vom System optimiert. Bei dem Konzept ist klar, dass es dann am besten funktioniert, wenn möglichst viele Unternehmen mitmachen. Dazu braucht es viel Überzeugungsarbeit, und das für jeden neuen Kunden. Derzeit sind gut 2700 Transportunternehmen bei Cargonexx registriert, durchschnittlich haben sie etwa 20 Fahrzeuge, dazu gehören aber auch Branchengrößen wie Schenker oder Kühne + Nagel. Profitabel ist Cargonexx noch nicht, aber es muss zunächst darum gehen, den Kundenkreis möglichst schnell zu erweitern. Je größer ihre Plattform wird, umso schwerer wird es für Konkurrenten, ein alternatives Angebot aufbauen. Das ist das Wesen von Plattformen. Sie funktionieren meist nur dann gut, wenn es nur eine oder einige wenige gibt, die einen Markt beherrschen. Helmut Martin-Jung

Die Finalisten des Start-up-Pitches beim SZ-Wirtschaftsgipfel

FreshDetect GmbH

Eine Revolution für die Frische Das ist die Vision: Ein Besuch im Supermarkt, und statt des mehr oder weniger geübten Blickes auf die Waren im Fleischregal reicht ein Griff zu einem Messgerät, mit dem Kunden selbst die Frische der ausgelegten Fleisch- und Wurstwaren testen können. Das könnte die Zukunft sein, jedenfalls wenn es nach Freshdetect geht. Das junge Unternehmen aus Pullach bei München hat ein Verfahren entwickelt, das die oft tagelange Prozedur der Lebensmitteltests in Laboren ergänzt und es für Tester von Fleisch schon jetzt ermöglicht, in Sekundenschnelle eine Aussage über den Zustand von Frischware zu machen. ,,Wir wollen den Standard setzen für die Frischekontrolle bei Fleisch“, erklärt Oliver Dietrich, Vorstandschef bei Freshdetect. Fünf Jahre hat der 52-jährige Betriebswirt mit seinem mittlerweile auf zwanzig Mitarbeiter angewachsenen Team mit der Entwicklung eines kleinen Gerätes verbracht, das in Form und Größe zunächst an ein Handheld von Bahnschaffnern oder Kellnern zum Abkassieren erinnert. Das Gerät mit dem etwas sperrigen Namen BFD-100 prüft die Gesamtkeimzahl in rohem Fleisch. Das Ganze funktioniert über ein optisches Verfahren, der sogenannten Fluoreszenzanalyse. Dazu wird ein kleiner runder Messkopf mit speziellen Leuchtdioden direkt auf das rohe Fleisch aufgesetzt. Ähnlich wie Laserpointer leuchten diese die Fleischoberfläche an. Es ergibt sich ein Bild vom mikrobiologischen Zustand. Dieses wird abgeglichen mit Werten aus Laborproben derselben Fleischarten aus einer Datenbank. Je weiter verbreitet das Freshdetect-System, desto größer wird die Datenbank. „Das ist erst der Anfang, wir können in Zukunft auch weitere Teilstücke vom Schwein, Rind, Geflügel, Fisch sowie später auch Gemüse und Salat mit dieser Methode analysieren“, sagt Dietrich. Die Finanzierung ist zunächst gesichert, derzeit wird mit Kunden verhandelt. Simone Boehringer

reCup GmbH

To-go, aber mit gutem Gewissen In Deutschland hört man diesen Satz ungefähr 320.000 Mal pro Stunde: „Einen Kaffee bitte, zum Mitnehmen!“ Gegen den Satz allein spricht natürlich nichts. Das Problem an ihm ist, dass ihm jedes Mal ein Einwegbecher folgt, der ein paar Minuten später im Müll landet. So kommen jährlich 2,8 Milliarden Coffee-to-go-Becher zusammen, die einen Abfallberg von 40.000 Tonnen ergeben. Die so entstandene Kaffeebecher-Kette könnte man sieben Mal um die Erde wickeln. Hinzu kommen 43.000 Bäume, 3.000 Tonnen Öl und 1,5 Milliarden Liter Wasser, die zur Herstellung der Becher benötigt werden. Coffee-to-go-Becher sind also nicht nur der Inbegriff unserer Wegwerfgesellschaft, sondern vor allem ein großes Umweltproblem. Um den Verbrauch der Kaffeebecher einzudämmen, haben Fabian Eckert, 28, und Florian Pachaly, 22, im September 2016 das Start-up Recup in München gegründet. Ihre Geschäftsidee: Ein Pfandsystem, mit dem Coffee-to-go-Becher mehrfach genutzt werden können. Coffee-to-go-again, sozusagen. Auf die Idee kamen die beiden Gründer während ihres Studiums – wegen eines Seminars und wegen der vielen Kaffeebecher, die an der Uni jeden Tag in den Mülleimern landeten. Das Recup-Pfandsystem funktioniert folgendermaßen: Der Kunde zahlt für den Hartplastikbecher einen Euro Pfand, erhält auf den Kaffee Rabatt und kann den Becher bei jedem teilnehmenden Café wieder einlösen. Dort werden sie gespült und wiederverwendet. Recup-Becher gibt es mittlerweile an 437 Standorten bundesweit, in Cafés, Bäckereien, Biomärkten mit Café, Cafeterias in Großunternehmen und bei Filialisten wie Coffee Fellows. Auf manchen Bechern – wie auf denen in München – ist die Silhouette der Stadt zu sehen. Insgesamt, sagt Pachaly, gebe es bereits sieben solcher Städteeditionen, weitere vier seien schon in Produktion. Sophie Burfeind

relayr GmbH

Maschinen schlau machen Josef Brunner hat schon vier Start-ups gegründet, das letzte hat er an Cisco verkauft, den amerikanischen Tech-Konzern, den manche salopp als „Klempner des Internets“ bezeichnen, weil er all die technischen Verbindung für das Netz der Netze liefert. Seit zwei Jahren führt Brunner nun Relayr, ein Unternehmen aus Berlin, das sich ebenfalls darauf konzentriert, Verbindungen im Internet herzustellen: nicht zwischen Computern, sondern zwischen Maschinen. Relayr, gegründet im Jahr 2013 in Berlin, macht mit seiner Technologie – den sogenannten Retrofitkits – diese Maschinen schlauer und schließt sie ans Internet der Dinge an, es vernetzt sie untereinander, versieht sie mit Sensoren, die die wichtigsten Daten auslesen und in die Cloud hochladen, wo sie ausgewertet werden. So lassen sich Maschinen aus der Ferne warten und steuern, und man erkennt frühzeitig, ob ein Teil bald verschlissen ist und ausgetauscht werden muss. Das Start-up aus Berlin-Kreuzberg setzt genau dort an, wo viele Deutschlands Zukunft im digitalen Zeitalter sehen: Es hilft klassischen Mittelständlern und Familienunternehmer, aber auch Konzernen, dabei, das Geschäft mit der Industrie 4.0 voranzubringen: in der Chemie, im Maschinenbau, im Verkehr. „Wir sind dort“, sagt Brunner, „wo es laut und schmutzig ist.“ Relayr liefert seinen Kunden nicht bloß die Technologie, um Maschinen zu vernetzen, sondern berät sie auch dabei, wie sie ihr Geschäftsmodell damit weiterentwickeln und so Geld sparen können. Das Start-up bietet, im Verbund mit einem seiner wichtigsten Investoren, dem Rückversicherer Munich Re, auch eine Versicherung an, die diese Einsparungen garantiert. All das kommt bei der Kundschaft aus der Industrie sehr gut an, Relayr wächst rasant und hat 200 Mitarbeiter: nicht bloß in Berlin, sondern auch in San José, Chicago, New York, Manchester, Paris, München und Kattowitz. Ulrich Schäfer

TerraLoupe GmbH

Die Vermessung der Welt Wenn wir eine Straße entlang gehen, erkennen wir automatisch, was sich um uns herum abspielt. Wir können einen Hund von einem Radfahrer unterscheiden und einen Stromkasten von einer Ampel. Maschinen konnten das bislang nicht. Die Münchnerin Manuela Rasthofer wollte das ändern, sie sagte sich: Es gibt so viele Bilder und Karten von der Außenwelt – wie kann es sein, dass Maschinen darauf nichts erkennen? 2015 gründete die 35-Jährige deshalb mit Christian Schaub und Sebastian Gerke das Start-up Terraloupe. Das Unternehmen aus München analysiert Geobilddaten mit künstlicher Intelligenz, sogenannten Deep-Learning-Algorithmen. Anders gesagt: Terraloupe erstellt digitale Abbilder der Umwelt und trainiert Maschinen, zu erkennen, was auf ihnen zu sehen ist. Terraloupe arbeitet dazu mit Luftbildaufnahmen von Flugzeugen, weil sie genauer sind als Satellitenbilder. Diese Analysen sind für viele Unternehmen interessant, etwa wenn es um Zukunftstechnologien wie das autonome Fahren geht. Autonome Fahrzeuge müssen erkennen, welche Gegenstände sich auf und am Rand der Straße befinden und darauf reagieren können. Dazu benötigen Autohersteller detailliertes Kartenmaterial und die Fahrzeuge eine entsprechende Software. Aber auch Versicherungen nutzen die Technologie von Terraloupe. Mit ihr können sie beispielsweise ermitteln, wie viele Wintergärten im Falle eines Hagelschadens in einer Stadt betroffen wären und wo es überall Solaranlagen gibt. Das hilft ihnen bei der Risiko-Bewertung von Gebäuden. Obwohl Terraloupe erst zwei Jahre alt ist, hat es schon mehrere Dax-Unternehmen als Kunden. Manuela Rasthofer kommt aus dem militärischen Bereich, wo sie an Simulationen aus Luftbildern arbeitete, Schaub war vor seiner Zeit als Gründer bei Siemens und Gerke forschte an Deep-Learning-Algorithmen. Sophie Burfeind

volabo GmbH

Mehr Antrieb mit weniger Spannung Ein Start-up aus der Bundeswehr? Ja, das gibt es: Volabo, gegründet 2016 in Ottobrunn, entstand ursprünglich an der Universität der Bundeswehr in München-Neubiberg. Dort trafen sich die Gründer Adrian Patzak, Florian Bachheibl und Dieter Gerling am Lehrstuhl für Elektrische Antriebstechnik und Aktorik, den Gerling innehat. Das Team entwickelte einen Elektromotor, der im Niedervoltbereich läuft: Konventionelle Elektromotoren benötigen eine Spannung von 400 Volt, der Volabo-Variante reichen 48 Volt. Dafür ersetzten die Gründer die Kupferspulen herkömmlicher Motoren durch Aluminium-Stäbe mit Kurzschlussringen. Die neue Technologie nennen sie Intelligent Stator Cage Drive, kurz ISCAD. Das sei günstiger in der Herstellung, so die Entwickler, und es helfe der Umwelt in mehrerlei Hinsicht: Zum einen kann der Volabo-Motor bis zu 30 Prozent Energie gegenüber anderen Elektro-Antrieben einsparen oder diese für eine größere Reichweite einsetzen. Zum anderen werden für die Produktion weder Kupfer noch seltene Erden benötigt. Dazu kommt, dass die niedrige Spannung nicht besonders gesichert werden muss. Autofahrer oder Pannenhelfer müssen nach einem Unfall nicht fürchten, „einen gewischt“ zu bekommen. Auch Werkstätten haben es so bei Wartung und Reparatur leichter. Bisher hat Volabo – lateinisch für „Ich werde fliegen“ – zwölf Mitarbeiter und setzt 1,5 Millionen Euro um. Startete das Unternehmen im Gründungsjahr noch mit Verlust, rechnet das Start-up im laufenden Jahr mit einem ersten Gewinn. Finanziert wurde Volabo durch Kundenprojekte. Die drei Gründer planen übrigens auf lange Sicht: Für den Gipfelstürmer-Wettbewerb bewarben sie sich mit einem fiktiven Rückblick zum 20-jährigen Firmenjubiläum, Datum: 29.07.2036. Dann, so der Traum, soll die ISCAD-Technologie auch den Hyperloop antreiben. Katharina Kutsche