2010

Rückblick 2010

Highlights

Die Debatten

Die Zukunft des Euro – und die Zukunft Russlands

Es war ein Kongress, der in der gesamten Welt Beachtung fand, in den Fernsehnachrichten in Europa, in Zeitungen in Japan ebenso wie in den USA, Russland oder Lateinamerika. Denn der damalige russische Ministerpräsident Wladimir Putin präsentierte anläßlich des 4. Führungstreffens Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung in Berlin seine Idee für eine europäisch-russische Freihandelszone, für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum, der von Lissabon bis Wladiwostok reicht. Er löste damit eine breite Debatte aus – auch auf Deutschlands großem Wirtschaftskongress. Kanzlerin Angela Merkel ging in ihrer Rede direkt auf den Vorschlag ein, was Putin später in einer Podiumsdiskussion mit deutschen Unternehmern zu der spitzen Bemerkung veranlasste, immerhin habe sich Merkel mit seiner Idee auseinander gesetzt. Allerdings zeigte die Kanzlerin sich skeptisch, was eine schnelle Umsetzung anbelangt.
 
In der Podiumsdiskussion mit Josef Ackermann (Deutsche Bank), Peter Löscher (Siemens), Martin Winterkorn (VW) und Nikolaus Knauf (Knauf-Gruppe) ging Putin sogar noch weiter und sprach sich für ein neues globales Währungssystem aus. „Wir brauchen eine neue Multipolarität im Währungssystem“, sagt er. „Wir müssen von einem übermäßigen Dollar-Monopol abrücken, das die Weltwirtschaft unausgewogen und verwundbar gemacht hat.“ Putin kann sich in absehbarer Zeit auch die Einführung des Euro in Russland vorstellen – eine Idee, die bei Ackermann auf Zustimmung stieß. „Es liegt in unserem ureigensten Interesse, dass Russland eines Tages Teil eines gemeinsamen Währungsraumes wird“, sagt der Chef der Deutschen Bank. „Daher müssen wir diese Pläne mit ganz offenem Geist und Enthusiasmus unterstützen, was dazu beiträgt, Barrieren zu überwinden.“
 
Die Frage, welche Rolle der Euro künftig spielen wird und wie sich die Schuldenkrise auf die produzierende Wirtschaft auswirkt, war das zweite große Thema des Führungstreffens Wirtschaft. Es wurde überaus kontrovers diskutiert. So vertrat der Wirtschaftsprofessor Max Otte, bekannt als Crash-Prophet, die Auffassung, der Euro sei „Unsinn“ und müsse eigentlich wieder abgeschafft werden. Dirk Notheis, oberster Investmentbanker in Deutschland der amerikanischen Bank Morgan Stanley, hielt dem entgegen: „Der Euro ist für Deutschland ein Glücksfall.“ Wenn es heute noch die Mark gäbe, stünde sie seiner Meinung nach eins zu acht zum Dollar – und das wäre, schlecht für den deutschen Export, der dem Land einen Aufschwung aus der Krise bescherte.
 
Auch Bundesbankchef Axel Weber hielt ein flammendes Plädoyer für die gemeinsame Währung: „Der Euro ist eine der stabilsten Währungen der Welt“, sagte er. Einen Weg zurück in die Geschichte gebe es nicht und er sei gerade für Deutschland auch nicht wünschenswert. „Es ist eine abstruse Idee, dass wir die Krise besser überstanden hätten, ohne den Euro. DM-Romantik ist nicht geeignet, um die Zukunft zu gestalten.“

Die Reden

„An der Transfer-Union führt kein Weg vorbei“

Wie sehr das Führungstreffen Wirtschaft innerhalb von vier Jahren an Bedeutung gewonnen hat, zeigte sich 2010 an der stattlichen Liste der Redner. Neben Angela Merkel und Wladimir Putin hielten auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einen Vortrag, außerdem der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger.
 
Zudem sprach der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Einzelinterview über die Moral in der Wirtschaft und die Steuerpolitik. Das existierende, „obrigkeitliche“ System mit verpflichtenden Steuerzahlungen solle duch eine System „freiwilliger Bürgerabgaben“ ersetzt werden, forderte Sloterdijk: „Man sollte den Menschen die Möglichkeit geben, auf die Geberseite zu treten. Das macht sie erwachsen.“
 
Gabriel widmete sich, wie schon Merkel, vor allem der Euro-Krise und forderte europäische Solidarität. Wer glaube, sich in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrisen aus EU-Verpflichtungen zurückziehen zu können, irre nicht nur, sondern gefährde die Stabilität des Euro und mithin den eigenen Wohlstand, sagte der Sozialdemokrat. „Wenn man eine gemeinsame Währungsunion hat, mit armen und reichen Ländern, führt kein Weg daran vorbei, die Transfer-Union auszubauen.“
 
Verteidigungsminister Guttenberg sprach vor allem über den Wettstreit um knappe Rohstoffe. Das rasante Wachstum der Weltbevölkerung werde, so seine These, dazu führen, dass der Verteilungskampf nicht nur um Öl und Gas heftiger werden wird, sondern auch um so vermeintlich selbstverständliche Grundstoffe wie Wasser. „Das hat härteste sicherheitspolitische Implikationen“, mahnt Guttenberg. Wer den Zusammenhang von Sicherheits- und Wirtschaftspolitik nicht sehen wolle, der lebe „im Reich der Träumerei“.

Referenten 2010

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