2011

Rückblick 2011

Highlights

Die Debatten

Globale Herausforderungen: Weltwirtschaft im Wandel

Die Finanz- und Schuldenkrise hat nicht nur die Welt der Banken durcheinander gebracht, nicht nur die Welt der Währungen verändert, sondern auch die Welt der Unternehmen: Die Wirtschaft befindet sich in einem dramatischen Wandel und passt ihre Strukturen an. Das 5. Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung vom 15. bis 19. November 2011 in Berlin beschäftigte sich vor allem mit diesem Wandel: mit dem Umbruch in der realen Wirtschaft, den neuen Strategien der Konzerne und Familienunternehmen, aber auch mit der neuen Rolle des Staats im Wirtschaftsgeschehen und der Energieversorgung. Welcher neuen Regeln bedarf es? Und wie viel Eingriff ist vonnöten, wie viel schädlich?
 
So warnte Gerd Häusler, der Chef der BayernLB, bei Deutschlands großem Wirtschaftskongress die Politiker davor, sich zu immer größeren Rettungspaketen hinreißen zu lassen. „Die Finanzmärkte sind notorisch ungeduldig“, sagte er. „Sie schreien nach dem Overkill, nach einer möglichst hohen Dosis von irgendwas.“ Da komme der Staat einfach nicht hinterher. Kritik gab es aber auch an der amerikanischen Regierung und deren Krisenmanagement: Präsident Barack Obama habe zu wenig Verständnis für die Wirtschaft, sagte Martin H. Richenhagen, der aus Deutschland stammende Chef des US-Landmaschinenherstellers Agco. Der Mann im Weißen Haus trage zu wenig zur Lösung der Wirtschaftsprobleme bei. „Obama ist kein Fachmann.“ Der Präsident sei aber auch schlecht beraten: „Wir haben eine Regierung, die zu wenig von Wirtschaft versteht.“
 
Sehr selbstbewusst präsentierten die Wirtschaftsvertreter zugleich ihre Strategien für die unruhige Zeit des Wandels, die sie prophezeien. Daimler-Chef Dieter Zetsche erklärte, warum Daimler stärker denn je auf die Wachstumsmärkte USA und China setzt. Der Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, der damalige Metro-Chef Eckhard Cordes, setzte auf wachsende Geschäfte mit Russland: „Wir brauchen Russland als erweiterten Teil Europas.“ BDI-Präsident Hans-Peter Keitel sprach sich für vermehrte Geschäfte mit China aus, man müsse auch chinesische Investitionen in Europa positiv sehen.
 
Angesichts des tiefgreifenden Wandels in der Weltwirtschaft ging es aber auch um ganz grundlegende Fragen. So kritisierte der Literaturwissenschaftler und Buchautor Joseph Vogl („Das Gespenst des Kapitals“), dass die meisten Ökonomen seiner falschen Modelle folgten – und dies zur Krise mit beigetragen habe. Nun müsse sich die Ökonomie neu erfinden. „Seit der Krise 2008 sind die Wirtschaftswissenschaften in sich zerfallen“, urteilte Vogl. „Die ökonomische Theorie muss sich von ihren theologischen Resten befreien.“
 
Ähnlich hart urteilte die Linken-Politikern Sahra Wagenknecht: „Für mich ist das, was an den Finanzmärkten gemacht wird, Wahnsinn mit Methode.“ Aus den Unternehmern im Schumpeter’schen Sinne seien Kapitalisten geworden, interessiert nur am eigenen Profit, ohne Bindung an die Belegschaft oder das Gemeinwesen. Sie plädierte dafür, sich stärker auf Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft wie Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard zurückzubesinnen.
 
Ein zentrales Thema war zudem die Energiewende. Linde-Chef Wolfgang Reitzle warnte vor steigenden Strompreisen für Verbraucher und Unternehmen: „Das wird uns hart treffen.“ Es fehle leider ein umfassendes Konzept für den Umbau der Energieversorgung. Ähnlich argumentierte der Ökonom Hans-Werner Sinn, während Grünen-Chef Cem Özdemir für einen noch stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien warb, ebenso wie auch Paul van Son, der Chef von Desertec: „Wir müssen die Energiewende in größeren Zusammenhängen sehen – über Deutschland hinaus.“

Die Reden

„Wir müssen Europas Fundament erneuern“

In den Reden ging es vor allem um die Schuldenkrise in Europa und ihre Auswirkungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, weder rasche Schuldenschnitte, noch Euro-Bonds oder ein stärkerer EZB-Einsatz seien geeignete Mittel zur Beendigung der Finanzkrise. „Wenn die Politik glaubt, die EZB kann das Problem der Euroschwäche lösen, dann redet sie sich etwas ein“, sagt Merkel.
 
Stattdessen forderte sie mehr Budgetdisziplin in den EU-Staaten und eine Veränderung der EU-Verträge. Wenn Europa nicht bereit sei, seine Fundamente zu modernisieren, sei es „auf den Märkten verloren“. Wenn in manchen Staaten 40 Prozent aller jungen Erwachsenen arbeitslos seien, dürfe man sich nicht wundern, wenn die Märkte die Aussichten solcher Länder skeptisch beurteilten. Die Kanzlerin räumte ein, dass die Umsetzung der EU-Reformbeschlüsse nicht zügig genug vorankomme. Zugleich warnte sie vor „Kurzatmigkeit“. Wenn etwa in Italien am Sonntag ein neuer Ministerpräsident berufen werde, könne es nicht schon am Montag heißen, die Regierungsneubildung habe nichts gebracht.
 
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) plädierte dafür, den Euro-Rettungsschirm zu einem Europäischen Währungsfonds auszubauen, Staatskommissare in überschuldete Länder zu entsenden, ein Insolvenzrecht für Staaten zu schaffen und Defizitsündern die EU-Mittel zu kürzen. Zwar sei er bereit, Befugnisse an Brüssel abzutreten. Zuvor aber müssten sich die Staaten auf eine wirtschaftspolitische Philosophie verständigen. Auch Rösler trat für Sanktionsmöglichkeiten gegen Schuldensünder ein – und unterstrich Merkels Engagement für Änderungen an den europäischen Verträgen. Dafür kämpfe sie in Brüssel allein, lobte Rösler. „Im Europäischen Rat sagen alle anderen: Wir brauchen keine Vertragsänderungen.“
 
Scharfe Kritik an der Krisenpolitik der Bundesregierung übte der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Das Krisenmanagement seit dem Frühjahr 2010 sei „in vielen Schritten nicht falsch gewesen“, sagte Steinbrück, um dann Merkels Vorgehen in Bausch und Bogen zu verdammen: „Die Qualifizierung: zu spät, zu zaghaft, zu wenig, ist nicht falsch.“ Anders als Merkel warb er für den Einsatz von Euro-Bonds und die „umfassende, alles entscheidende Rolle der EZB als Staatsfinanzierer“. Er rate davon ab, sich „gegen Instrumente zu wehren, die bei weiterer Zuspitzung der Krise noch willkommen sein könnten“.

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