2012

Rückblick 2012

Highlights

Die Debatten

Das neue Europa in einer neuen Weltwirtschaft

Die Debatte beim sechsten Führungstreffen Wirtschaft vom 15. bis 17. November 2012 kreiste vor allem um zwei Fragen: Was wird aus dem Euro? Und was wird aus der deutsch-französischen Freundschaft? Denn der Titel des Kongresses lautete: „Das neue Europa in einer neuen Weltwirtschaft“. Die Zukunft Europas wurde in sieben Panels, sechs Reden und fünf Einzelgesprächen kontrovers diskutiert. Es ging dabei um die europäische Industriepolitik ebenso wie um die Frage, wie sich digitale Medien oder Familienunternehmen im neuen Europa entwickeln oder auch um die Frage, wie grün Europas Industrie sein kann.
 
Einig waren sich alle Panelisten darin: Zu Europa – und zum Euro – gibt es keine Alternative, auch nicht zu den engen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Denn zwischen Deutschen und Franzosen existieren nicht nur starke kulturelle Bande, sondern stabile wirtschaftliche Bande, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelt haben – eine Verbindung zwischen den Unternehmen und zwischen den Menschen, die diese Unternehmen führen. Für die meisten Unternehmen ist das jeweilige Nachbarland nicht nur der wichtigste Auslandsmarkt, sondern der wichtigste Auslandsstandort: Kulturen und Mentalitäten mögen sich unterscheiden, aber die Vielfalt der Mitarbeiter trägt in Unternehmen entscheidend dazu bei, neue Ideen zu entwickeln und Innovation zu ermöglichen. Zu beobachten ist dabei in der Wirtschaft vielerorts nicht nur nüchternes ökonomisches Kalkül, sondern eine bisweilen leidenschaftliche Liebe zu Europa.
 
Dies wurde auch beim Führungstreffen Wirtschaft im Hotel Adlon deutlich, an dem so viele ausländische Unternehmenschefs teilnahmen wie noch nie zuvor. Auf dem Podium saßen zum Beispiel mit Baudouin Prot (BNP Paribas), Jean-Francois Cirelli (GDF Suez), Pierre Blayau (SNCF Geodis) und Veronique Cayla (Arte) gleich vier Vertreter französischer Unternehmen. Cayla sagte, deutsch-französische Unternehmen wie Arte seien eine „Laboratorium“, ein „Sockel für Europa“, auf dem man aufbauen könne. Cirelli, einst Berater des französische Präsidenten Jacques Chirac, sagte, es bedürfe einer neuen „Utopie“ für Europa.
 
Intensiv beschäftigten sich Redner und Referenten auch mit der Zukunft des Euro. So warnte Bundesbankpräsident Jens Weidmann vor einer allzu lockeren Geldpolitik, die die Währung gefährde. Er zitierte dazu Goethes „Faust“: „Mephistopheles war es, der empfahl, die Notenpresse anzuwerfen“, sagte Weidmann, „und einzig der Narr macht es richtig und steckt Papiergeld in Immobilien.“ Er forderte stattdessen scharfe Haushaltskontrollen für die Euro-Staaten: „Wir brauchen eine unabhängige Kontrollinstitution, die genau hinschaut, ob Politiker die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts der EU befolgen. Mir schwebt da eine Art Sachverständigenrat vor, der auch ein Verfahren einleiten können soll, in dem geprüft wird, ob eine Regierung sich an die Regeln gehalten hat oder nicht.“
 
Weniger Zweifel an der Rettungspolitik hat dagegen ING-Diba-Chef Roland Boekhout. Er sagte: „Angela Merkel ist für mich eine Heldin. Ich bin beeindruckt, wie sie die Krise managt.“ Die Vorwürfe, es gehe alles viel zu langsam, ließ der Chef der Direktbank nicht gelten. Es gebe keinen anderen Weg, als sich Schritt für Schritt durchzuwursteln. Dies sah auch der Chef des Euro-Rettungsfonds, Klaus Regling, so. Er verwies auf die Fortschritte in vielen Krisenstaaten: „In den südeuropäischen Ländern und Irland sinken die Budgetdefizite, die Leistungsbilanzen entwickeln sich positiv, die Wettbewerbsfähigkeit verbessert sich.“ Die Behauptung, die Deutschen würden ihre Hilfsgelder nie zurückbekommen, sei „Unsinn“. Regling lieferte sich ein packendes Streitgespräch mit dem Ökonomen Hans-Werner Sinn, der sehr wohl die Gefahr sieht, dass Deutschland viel Geld verlieren könnte: „Deutschland ist in der Situation eines Bankdirektors, zu dessen großen Kunden eine Firma zählt, die rote Zahlen schreibt“, sagte Sinn: „Der Direktor gibt der Firma immer noch Kredit, weil er die Abschreibungen fürchtet, wenn er den Geldhahn zudreht. Aber der Cash-Flow des Unternehmens ist negativ.“
 
Eine heftige Debatte gab es am Schlusstag des dreitägigen Kongresses, als der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und die Chefs der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, nacheinander auftraten – und höchst unterschiedliche Schlussfolgerungen aus der Finanz- und Schuldenkrise zogen. Steinbrück warb für seinen Plan, Universalbanken aufzuspalten in Geschäfts- und Investmentbanken und zeigte wenig Verständnis dafür, dass Banker diese Pläne ablehnen. Das erinnere ihn an seinen Großvater, wenn seine Großmutter ihm ein Essen serviert habe, das ihm nicht genehm war. Dann habe der Großvater unwirsch gesagt: „Riecht schlecht, schmeckt nicht, will ich nicht, mag ich nicht.“ Anshu Jain hielt dagegen: „Die entscheidende Frage ist“, sagte er, „will Deutschland eine globale Bank?“ Weder in Asien, noch in den USA werde über eine so radikale Trennung gesprochen. Wenn Europa damit vorpresche, würden „enorme Wettbewerbsunterschiede entstehen“.

Die Reden

„Der Finanzsektor muss aufgeräumt werden“

Es war seine erste große Rede zur Wirtschaft und er hat sie beim Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung gehalten: Bundespräsident Joachim Gauck hat Unternehmen und Verbraucher dazu aufgerufen, mehr Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen und Fehler zuzugeben. Insbesondere die Bankbranche habe bisher den „Wildwuchs“, der die Euro-Krise ausgelöst habe, nicht beseitigt, sagte Gauck in seiner Eröffnungsrede: „Der Finanzsektor muss dringend aufgeräumt werden.“ Gauck nutzte seinen Auftritt, um erstmals seit Amtsantritt einige grundlegende Gedanken über die Rechte und Pflichten der Wirtschaft zu präsentieren. Firmen dürften sehr wohl nach Gewinn streben, müssten aber auch ökologische und soziale Belange im Blick behalten, sagte er. „Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten.“
 
Direkt nach Gauck sprach der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault, der für den Kongress erstmals seit seinem Amtsantritt nach Deutschland gekommen war und die Gelegenheit nutzte, um auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu treffen. Ayrault, der in Würzburg studiert hat, sagte zu Beginn auf Deutsch, Deutschland liege ihm „am Herzen“ – und vor allem Berlin, die einst geteilte Stadt mit ihren „seelenlosen Orten“, sei heute eine „glanzvolle Hauptstadt“. Berlin sei „jetzt Anziehungspunkt für die Jugend Europas“. Aber natürlich galt sein Hauptinteresse, dem deutschen Volk zu versichern, dass Frankreich reformfähig sei. Er warb intensiv für die deutsch-französische Freundschaft.
 
Das tat auch Valéry Giscard d’Estaing. Der 86 Jahre alte ehemalige Staatspräsident von Frankreich überraschte bei der Nacht der Europäischen Wirtschaft mit einer Vision für das Europa 2030. Dabei entwarf er das Bild einer „Währungs-, Haushalts- und Steuerunion“ samt eigenem Finanzminister, die von einem Parlament in Straßburg legitimiert wird. Er verblüffte alle, die im täglichen Ringen um Euro, Schulden, Sparen, Solidarität und Souveränität bisweilen das große Ganze aus den Augen verlieren. Die EU präsentiere sich in geschwätziger Zerstrittenheit. „Kennen Sie einen Firmenvorstand, in dem 27 Mitglieder mit denselben Rechten einstimmig entscheiden müssen?“, fragte der Redner die Gäste im festlich beleuchteten Musuem für Kommunikation, in dem die Nacht der europäischen Wirtschaft stattfand. „Wer würde auf den Erfolg eines solchen Unternehmens vertrauen? Sie würden Ihre Aktien sofort verkaufen.“
 
Sehr grundsätzlich wurde auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Der Frieden sei für junge Europäer selbstverständlich, sagte er, deshalb könne Europa ihnen nicht mehr als großes Friedensprojekt wie nach dem Zweiten Weltkrieg vermittelt werden. Er rief die Bürger auf, im Kampf gegen die Finanzturbulenzen gleichwohl an einem Strang zu ziehen. Als Nachfolger Schäubles empfahl sich derweil der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin. Er sprach von einer Euro-Krise, die sich nicht allein „durch Sparen und Reformen“ lösen lasse, weil sie weit mehr sei als nur eine Staatsschuldenkrise: eine Krise des Finanzsystems ganz allgemein, auch der Makroökonomie an sich. Und er stellte den ökonomischen Grenzen der Belastbarkeit die politischen gegenüber, wenn halb Europa gegen Sparprogramme revoltiert.
 
Eine sehr emotionale Rede hielt Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments: „Langsam begreifen wir, welchen Preis wir für die Krise zahlen“, sagte er und kritisierte: „Die Saat von Zwietracht und Groll ist ausgebracht“. In Deutschland werde der angebliche Schlendrian der Südländer angeprangert. Dort wiederum heißt es, man müsse für das Spardiktat aus Berlin bluten. Dazu kommt: Es gebe inzwischen eine „verlorene Generation“ junger Europäer, die keinen Job mehr finde und lieber auswandere, weil sie in ihren Heimatländern wie Spanien keine Perspektiven mehr sieht.

Referenten 2012

Ludger Dohm

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