2013

Rückblick 2013

Strategien für mehr Wachstum

Highlights

Die Reden

Enrico Letta war eigens für diesen Kongress nach Berlin gekommen, in den Wochen zuvor hatte der damalige italienische Ministerpräsident immer wieder öffentlich erklärt, dass er den Auftritt beim Führungstreffen Wirtschaft in Berlin für eine große Rede nutzen wolle. Und so kam es dann auch: Vor 300 Gästen im Museum für Kommunikation hielt Letta eine engagierte, teils emotionale Rede, in der er seinen “Traum von Europa” erklärte – von einem weiteren Integrationsschritt, wie es Binnenmarkt und Währungsunion waren: Europa sei zersplittert durch die nationalen Finanzmärkte, aber auch durch die „barocke“ Art der Diskussionen. „Wer ist denn eigentlich der Chef von Europa?“, fragte Letta. Er forderte „demokratisch legitimierte Persönlichkeiten an der Spitze“ – Europa brauche einen vom Volk gewählten Präsidenten oder Regierungschef, der sich hernach sein eigenes Kabinett zusammenstelle und für Europa kämpfe.
 
Letta sprach bei der Nacht der europäischen Wirtschaft, dem Höhepunkt des Kongresses. Neben ihm am Tisch saß der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras. Dieser sprach dann am nächstem Morgen im Hotel Adlon zu den Teilnehmern des SZ-Führungstreffens und warb – wie schon Letta – für den Reformweg seines Landes. Natürlich, räumt er ein, seien die Reformen noch nicht abgeschlossen, liege noch viel Arbeit vor ihm und seiner Regierung. Die Wende aber sei geschafft, alle relevanten Wirtschafts-, Finanz- und Haushaltsindikatoren zeigten nach oben. Griechenland sei ein „spektakuläres Comeback“ gelungen. Nie wieder wolle er vom „Grexit“ hören, also davon, ob Griechenland aus der Euro-Zone austreten müssen; stattdessen solle man über „Greecovery“ reden, den griechischen Aufschwung.
 
Mehr Europa, mehr Gemeinsamkeit: Das war die überwölbende Botschafter aller Redner. Kanzlerin Angela Merkel warb in ihrer Eröffnungsrede dafür, die Wirtschaftspolitik in den Euro-Staaten besser aufeinander abzustimmen, EZB-Präsident Mario Draghi warnte angesichts der heftigen Kritik, der sich die Notenbank nicht nur in Deutschland ausgesetzt sieht, vor „nationalen Untertönen“ in der Debatte und sagte über sich und die Politik der Notenbank: „Wir sind nicht Deutsche, nicht Franzosen, nicht Spanier oder Italiener – wir sind alle Europäer und handeln für die Eurozone als Ganzes.“ Ähnlich argumentierte Bundesbank Jens Weidmann – auch wenn er zugleich davor warnte, das Mandat der EZB zu überdehnen: Man diskutiere im EZB-Rat intensiv über die richtige Strategie zur Krisenlösung. Solche Diskussionen sollten aber nicht als Schwäche eines Entscheidungsgremiums angesehen werden, sondern als Stärke, sagt der deutsche Notenbanker.
 
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zeigte sich deutlich optimistischer als Weidmann. Er lobte im Hotel Adlon die Anstrengungen der Eurozonenländer im Kampf gegen hohe Haushaltsdefizite und für Reformen. Länder wie Irland, Spanien und Portugal seien auf dem Weg, ohne internationale Hilfe wieder auf eigenen Füßen stehen zu können, sagte der CDU-Minister: „Wir haben keine Ansteckungsrisiken mehr“. Auch in Griechenland habe sich das Minus im Etat deutlich verringert und das Wachstum sei höher als erwartet. „Unsere Politik der Stabilisierung und Verteidigung der gemeinsamen Währung ist auf dem richtigen Weg.“
 
Ein emotionales Plädoyer für Europa hielt auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Europa sei weit mehr als eine Ansammlung ökonomischer Kennziffern, als das Messen von Haushaltsverschuldungen. Wer nur darauf abstelle, der müsse sich nicht wundern, dass über Europa so negativ gedacht werde, dass sich die Menschen entfremdeten. „Was ist, wenn die Entfremdung der Menschen von der Europäischen Union gefährlicher ist als die Euro-Krise“, fragte Schulz. Neue Gräben zwischen Nord und Süd, Gläubigern und Schuldnern, zwischen Euro- und Nicht-Euro-Ländern entstünden. Alle würden sich als Verlierer fühlen und genau dieses Gefühl, auf der Seite der Verlierer zu stehen, sei der Nährboden für erwachende Ressentiments und den Aufschwung der Populisten, die Europa und den Euro ablehnen.

Die Debatten

Die großen Reden des Kongresses – sie prägten auch die Diskussion auf den Podien. Die Zukunft Europas war in vielen Runden ein beherrschendes Thema. Was wird aus dem Euro? Was ist die richtige Strategie im Kampf gegen die Krise? Haben wir das Schlimmste schon hinter uns – oder müssen wir uns auf weiteres Ungemach einrichten? Das beschäftigte auch viele Diskutanten. Nicht wenige zeigten sich beeindruckt von dem, was sich in Griechenland und Italien derzeit bewegt und die Regierungschefs beider Länder dazu auf dem Kongress erklärten. Martin Reitz, der Deutschland-Chef der Investmentbank Rothschild, brachte es nach den Reden von Italiens Premierminister Enrico Letta und Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras so auf den Punkt: „Wenn Europa eine Aktiengesellschaft wäre, dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um Aktien zu kaufen“.
 
Doch längst nicht in allen Punkten waren die Referenten sich einig – auch nicht bei der Euro-Krise. So vertrat ifo-Chef Hans-Werner Sinn mit Verve die Meinung, dass es zu Austritten aus der Euro-Zone kommen werde – eine Position, die gerade in italienischen Medien kritisch aufgegriffen wurde. Und die von einigen anderen Kongressteilnehmern ebenfalls nicht geteilt wurde. Eine weitere Frage, die für eine erhebliche Kontroverse sorgte: Brauchen die Banken eine schärfere Regulierung? Ja, meinte EZB-Direktor Jörg Asmussen. „Wir sollten die Finanzbranche wieder so stabil machen, dass sie nicht durch individuelles Fehlverhalten ins Wanken gerät“, forderte er. Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen sah dagegen keinen Anlass dafür, von einem Systemfehler bei den Banken zu sprechen. „Für Fehlverhalten gibt es null Toleranz“, sagte er, „aber es ist nicht für die Wirtschaftskrise verantwortlich“.
 
Recht scharf fiel auch die Auseinandersetzung zwischen Sahra Wagenknecht, der wirtschaftspolitischen Vordenkerin der Linken, und FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr aus. Wagenknecht plädierte dafür, Banken im Zweifel zu verstaatlichen; Bahr lehnte dies ab. In einem waren sich die Linken-Politikerin und der Liberale allerdings einig: Auf viel zu vielen Märkten funktioniert der Wettbewerb nicht mehr, weil die Macht einiger, weniger Unternehmen zu groß ist.
 
Was aber hilft der Wirtschaft aus der Krise heraus? Innovationen zum Beispiel – ein Thema, über das die Start-up-Unternehmer Frank Stiefel und Verena Delius mit dem Telefonica-Deutschland-Chef Rene Schuster und dem Deutschland-Chef von Universal Music, Frank Briegmann, debattierten. Berlin sei derzeit ein ganz heißer Ort für Firmengründer, befand die Runde. Aber auch in München findet sich eine große Zahl von aussichtsreichen Start-ups. Dennoch: „Deutschland hat gute Ingenieure, aber zu wenige Unternehmer“, sagte Schuster. „Wir müssen den Leuten auch beibringen, dass es keine Schande ist, wenn sie scheitern.“
 
Auch die Energiebranche gilt als Zukunftsfeld. Was aber passiert, wenn andere hier davon ziehen? Total-Chef Christophe de Margerie warnte davor, dass Europa den Anschluss verpasse, wenn allein die USA vom neuen Schiefergas- und Schieferölboom profitierten. „Was wir in den USA erleben, kommt einer Revolution gleich“, sagte de Margerie. Peter Terium, Chef des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns RWE, warnte davor, dass sich die Machtverhältnisse zwischen den großen Industrienationen künftig noch deutlicher verschieben könnten: „Die USA werden der nächste Exportweltmeister.“. Doch es gab auch ganz andere Stimmen. Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hielt die Prognosen für übertrieben: „Amerika wird nicht das neue Saudi-Arabien.“
 
Wie sich Amerikas Wirtschaft, aber auch Europas Wirtschaft entwickelt, hängt aber nicht nur von den künftigen Energiepreisen ab, sondern auch von einem anderen Vorhaben: der transatlantischen Freihandelszone. Der Deutschland-Chef von Ford, Bernd Mattes, der amerikanische Firmenchef Martin Richenhagen (Agco) und DIHK-Präsident Eric Schweitzer plädierten alle dafür, dieses Freihandelsabkommen zu schließen. Durch das Abkommen könnten schließlich jede Menge Jobs entstehen. „100 000 Arbeitsplätze alleine in Deutschland“, sagte Schweitzer.
 
Und natürlich ging es – keine zwei Monate nach der Bundestagswahl – in den Podiumsrunden auch um den künftigen Kurs der Bundesregierung. Darüber diskutierten unter anderem die Unternehmerin Nicola Leibinger-Kammüller (Trumpf), BDI-Präsident Ulrich Grillo und der Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard. Sie sorgten sich, dass die Reformpläne von Schwarz-Rot der Wirtschaft schaden könnten. Grillo warnte: „Wenn die Pläne der neuen Regierung umgesetzt werden wie es sich jetzt abzeichnet, wagen wir einen harten Stresstest für die deutsche Industrie.“ DGB-Chef Michael Sommer hätte ihm vermutlich entschieden widersprochen – doch Deutschlands wichtigster Gewerkschafter musste wegen einer Erkrankung kurzfristig absagen.

Referenten 2013

Dominic Raacke

Moderatoren 2013