2016

Rückblick 2016

Der Wirtschaftsgipfel im Jahr 2016 stand unter dem Motto “Entscheiden in unsicheren Zeiten”. Nur eine Woche nach der Wahl in den USA ging es darum, wie man in dieser turbulenten Zeit langfristige Entscheidungen trifft, wie Unternehmenslenker ein Vorbild für ihre Mitarbeiter sein können, wie Unternehmen die digitale Transformation meistern und wie die Künstliche Intelligenz alle Unternehmen verändern wird. 67 Referenten und mehr als 450 Teilnehmer diskutierten darüber im Hotel Adlon in Berlin, in dem zur gleichen Zeit auch US-Präsident Barack Obama wohnte.

Highlights

Die Reden

Die Zukunft Europas – das war das große Thema der Reden beim zehnten SZ Wirtschaftsgipfel. Frankreichs Premierminister Manuel Valls warnte in seiner Eröffnungsrede eindringlich vor dem Auseinanderfallen des alten Kontinents. „Europa kann sterben.“ Zahlreiche Krisen – vom islamistischen Terror über das Flüchtlingsproblem bis zum schwachen Wirtschaftswachstum – erschütterten Europa. Das nähre rechtspopulistische Strömungen. „Die Wut der Völker bricht aus – gestern in Großbritannien mit dem Brexit, heute in den USA, morgen anderswo“, sagte Valls.

Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warnte als Dinnerredner bei der Nacht der europäischen Wirtschaft: "Die freie Gesellschaft, die in der europäischen Einigung einen wichtigen Ausdruck gefunden hat, steht unter erheblichem Druck". Warum? Weil sich viele Menschen mittlerweile abgehängt fühlten und sich "in einer scheinbar immer schneller drehenden Welt kaum noch zurecht finden". Daher müsse man nun "politische Haltung" zeigen - es gehe "um die Verteidigung der liberalen und toleranten Gesellschaft".

Am dritten Tag des Kongresses warb auch EU-Kommissar Günther Oettinger dafür, stärker für Europa zu kämpfen: "Europa ist nicht das Projekt von Brüssel, sondern von Berlin, von Stuttgart und von Chemnitz. Wir brauchen Botschafter für das europäische Projekt. Jeder IHK-Chef müsse auch für Europa werben statt nur für eine Ortsumfahrung. Oettinger forderte: "Wir sollten nicht nur S-Klassen, sondern auch den Frieden exportieren."

Die Debatte

Neben der Zukunft Europas beherrschten vor allem zwei Themenblöcke den SZ-Wirtschaftsgipfel: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, Donald Trump und der Populismus.Zehn Tage nach der US-Wahl saß der Schreck bei vielen Teilnehmern tief – aber nicht bei allen. Keine Angst vor Trump hat der Amerikaner Bill McDermott. Der Vorstandschef des Softwareunternehmens SAP sagte unter Gelächter zur Wahl: "Jeder war ziemlich geschockt, vielleicht auch Trump selbst." Der Manager geht davon aus, dass der neue Präsident einen moderateren Kurs als angekündigt verfolgen und für gute Geschäftsmöglichkeiten sorgen wird. Groß in den USA ist auch BMW. "Es hilft uns, dass wir dort auch als US-Unternehmen wahrgenommen werden", sagt BMW-Chef Harald Krüger. Aber er weiß auch, dass Trump bisher für mehr Protektionismus geworben hat.

Der Chef der Start-up-Holding Rocket Internet, Oliver Samwer, sagte, er rechne nicht mit einer einschneidenden Kurswende zulasten der Internet-Wirtschaft. "Ich glaube nicht, dass die Amerikaner von einem Pro-Internet, einem Pro-Fortschritt weggehen." Auch der Chef der Fluggesellschaft Emirates Airline, der Brite Sir Tim Clark, blickt positiv nach vorne. "Donald Trump ist ein Geschäftsmann." Dieser werde die USA nicht in die wirtschaftliche Isolation führen und die Globalisierung nicht zurückdrehen. „Am Ende wird Trump ohne das sogenannte Establishment nicht auskommen“, meinte auch der ehemalige Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Ganz anders dagegen der US-Journalist David Cay Johnston, der eine kritische Biografie über Trump geschrieben hat: Er ist überzeugt davon, dass es Trump an elementarem Wissen mangelt, das er eigentlich für die Ausübung seines Amtes bräuchte. „Er ist einfach unreif. Er ist ein 13-jähriger Junge im Körper eines 70-jährigen Mannes.“

Von Trump führte die Debatte direkt zur Digitalisierung – denn Künstliche Intelligenz und Digitalisierung kosten Jobs, gerade auch in der Mittelschicht. Wie sollen die Unternehmen und die Politik damit umgehen? Etliche Referenten, wie etwa Vishal Sikka von Infosys und Charles-Édouard Bouée von Roland Berger, betonten die Chancen, die sich durch die neuen Technologien ergeben. "Künstliche Intelligenz wird alles so schnell verändern, dass die nächsten Champions durchaus auch aus Europa kommen könnten", sagte Bouée.

Um diese Chancen zu nutzen, ist es aber nötig, dass sich die Unternehmen ändern und sich, so Philipp Depiereux von der Digitalberatung etventure, „radikal auf den Kunden fokussieren." Zugleich müssen die Chefs Macht an die Mitarbeiter abgeben: "Wir müssen Freiräume schaffen für Mitarbeiter, die sich auch Themen anschauen, in denen wir in fünf Jahren noch kein Geschäft sehen“, sagte Janina Kugel, die Personalchefin von Siemens. Tim Höttges, der Chef der Telekom, formulierte es so: „Manchmal muss Innovation der Virus sein, der den Konzern infiziert", sagt er. "Und es ist mein Job als Konzernchef, sicherzustellen, dass es dann keine allergische Reaktion gibt, sondern dass wir von diesem neuen Geist angesteckt werden."

Gelinge dies, dann könnten die Deutschen durchaus den Kampf gegen das Silicon Valley gewinnen, meinten etliche Referenten: Wenn die deutschen Autobauer lernten, mit Software richtig umzugehen, „dann gibt es keinen Grund dafür, dass die Autos von morgen aus Kalifornien kommen“, sagte der Deutschland-Chef von Salesforce, Joachim Schreiner. Eine Frage, die auch BMW-Chef Krüger, Google-Deutschland-Chef Philipp Justus und Felix Kuhnert, Autoexperte von PwC, auf der Adlon-Bühne diskutierten. Die Konzerne müssten dazu viel investieren, so Kuhnert, und täten dies auch.

Aber auch die Gründer in Deutschland holen – im Vergleich mit Kalifornien – deutlich auf. Der Investor Felix Haas und der Wirtschaftsförderer Stefan Franzke (Berlin Partner) erklärten, dass sich gerade sehr viel bewege und es in vielen Städten, so Haas, „inzwischen eine hervorragende Start-up-Kultur“ gebe. Auch die Szene in Europa habe sich schnell verändert, ergänzten Benrardo Hernandez (eventures) und Gillian Tans (Booking). Ein großes Thema dabei: die digitale Gesundheit. Hierüber diskutierten die Gründer Christian Stammel, Saskia Biskup und Jörg Land mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und Techniker-Kassen-Chef Jens Baas. Ihre Quintessenz: Deutschland hat auf diesem Feld riesige Chancen, tue sich aber mit dem Datenschutz keinen Gefallen.

Aber es gab auch warnende Stimmen auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel, die vor einer Spaltung der Gesellschaft in digitale Gewinner und Verlierer warnten. Es würden absehbar "einige auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen", sagte Siemens-Chef Joe Kaeser. Also müsse die Gesellschaft dafür sorgen, "dass die Menschen versorgt sind“. Deshalb werde "eine Art Grundeinkommen völlig unvermeidlich sein".

Ähnliche sieht das Yvonne Hofstetter, Gründerin eines KI-Dienstleisters und Bestsellerautorin: "Die Schere geht immer weiter auf, die menschliche Arbeit hat immer weniger Anteil an der Produktivität." Chris Boos, der ebenfalls mit hochintelligenten Maschinen Geld verdient, sekundiert: "Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Weg, den notwendigen gesellschaftlichen Wandel vom Erhalt zum Neubau so zu gestalten, dass er sozialverträglich wird." Der Neurobiologe Gerald Hüther zeigte sich weniger pessimistisch. er prognostizierte, dass im 21. Jahrhundert die gewinnen werden, "die noch etwas wollen - und Maschinen können nichts wollen".

Die Kreuzverhöre

Beim zehnten SZ Wirtschaftsgipfel gab es mehr Kreuzverhöre denn je: insgesamt sechs. Auf der Bühne saßen: SAP-Chef Bill McDermott, der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der ehemalige Verteidigungs- und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, VW-Vorständin Christine Hohmann-Dennhardt sowie der amerikanische Buchautor David Cay Johnston. Es ging dabei, gut eine Woche nach der US-Wahl, vor allem um die Frage, wie Donald Trump die Welt verändert wird. Aber auch um die Digitalisierung und – mit Blick auf VW – um die Herausforderungen der Compliance: „Stolz kann man nur auf Erfolg sein, wenn er auch anständig ist“, sagte Hohmann-Dennhardt.

Das Abendprogramm

Auf der Bühne saßen beim Talkabend im Hotel Adlon: Sven Hannawald, Vierschanzentournee-Gewinner, Aino Laberenz, Bühnenbildnerin und Witwe von Christoph Schlingensief, und Literaturkritiker Denis Scheck. So unterschiedlich sie sind, so viel haben sie gemeinsam, zeigte das Gespräch: Sie befassen sich über das normale, unvermeidliche Maß hinaus mit der menschlichen Vergänglichkeit. Laberenz erlebte vor sechs Jahren den Tod ihres Mannes und verwaltet nun sein Erbe. Sven Hannawald betrieb lange einen Sport, den andere als lebensgefährlich betrachten. Und für Denis Scheck liegt der Wert von Literatur darin, dass sie von der eigenen Sterblichkeit ablenkt.

Die drei Gäste boten ungewöhnliche Perspektiven nach zwei Tagen, die von Debatten zur unternehmerischen und volkswirtschaftlichen Zukunft geprägt waren. So sprach Sven Hannawald über den Moment, als er sein Burn-out bemerkte, und wie er heute in Seminaren bei anderen Menschen Bewusstsein für die Gefahren beruflicher und privater Überforderung schaffen will. Aino Laberenz erklärte, wie hart es ist, das Erbe von jemandem weiterzuführen, der so umstritten war und Buh-Rufe so genoss wie Schlingensief. Und Denis Scheck erklärte mindestens die Welt. Skispringen sei „nichts anderes als eine Aufkündigung der Schwerkraft und Sterblichkeit“.

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